Auf meinem ersten intrinsify Meetup habe ich die Session “Einführung in die Systemtheorie” von Timo Volkmer besucht. Das verschaffte mir einen ersten Einblick in die Systemtheorie. Mir gefällt der Ansatz Systeme zu beobachten und den Menschen dabei in Schutz zu nehmen. Mir gefällt der Ansatz, weil ich auch in der Software-Entwicklung den Ursachen auf den Grund gehe (Root-Cause-Analysis).

Ich folgte einer Buchempfehlung und las von Margot Berghaus das Werk “Luhmann leicht gemacht”. In diesem Artikel greife ich einen Aspekt heraus, der für mich besonders erhellend war: Luhmanns Auffassung zur Kommunikation.

Sender-Empfänger-Modell

Das Sender-Empfänger-Modell: In der Kommunikation zwischen zwei Individuen gibt es einen Sender und einen Empfänger. Der Sender kodiert seine Nachricht und übermittelt sie dem Empfänger. Der Empfänger dekodiert die Nachricht. Wenn der Empfänger die Nachricht verstanden hat, kann er zum Sender werden. Zum Kodieren der Nachricht gehört Gestik, Mimik, Präsentation des Sender, Tonfall etc.

Auffassung nach Luhmann

Entgegen dem Sender-Empfänger-Modell ordnet Luhmann der Kommunikation keine zwei sondern drei Aktionen zu:

  1. Selektion der Information
  2. Selektion der Mitteilung
  3. Selektion der Annahme / des Verstehens

Diese drei Aktionen bilden unteilbar die kleinste Einheit eines sozialen Systems. Ähm Moment!? Soziales System?! Ich dachte es geht hier um Kommunikation zwischen zwei Parteien. Um die Auffassung genauer zu verstehen, ist es hilfreich die Theorie dahinter zu kennen.

Systemtheorie - konstruierte Realität?

Die Systemtheorie ist eine Universaltheorie und auf alle Bereiche anwendbar. Sie setzt voraus, dass niemand direkten Zugriff auf die Realität hat. Die Welt ist nur durch Beobachtung erfassbar. Alle Beschreibungen der Realität trifft der Beobachter durch Unterscheidungen. Sie sind damit konstruiert.

Systeme bestehen aus Operationen. Biologische Systeme operieren: sie leben. Psychische Systeme operieren: sie denken und nehmen ihre Umwelt wahr. Soziale Systeme operieren: sie kommunizieren. Sie produzieren und reproduzieren sich ständig selbst. Für die biologischen Systeme lässt sich das am einfachsten veranschaulichen: Die Fortpflanzung sorgt für die ständige Reproduktion des eigenen Systems. Sofern das biologische System sich nicht mehr produziert und reproduziert, es nicht mehr lebt, existiert es nicht mehr.

Systemoperationen

Alle drei Systemtypen erzeugen eine Differenz von sich zu ihrer Umwelt. Ein Meeting beispielsweise ist ein soziales System. Die Umwelt aus Sicht des Meetings wird durch das Meeting-Thema festgelegt: “Zu lange Meetings”. Dadurch macht das Meeting alles andere zu ihrer Umwelt. Das System operiert in sich geschlossen: In dem Meeting wird innerhalb des Raumes kommuniziert. Das System ist offen gegenüber der Umwelt: Einflüsse aus der Umwelt, die zu langen Meetings führen, werden diskutiert.

Systeme beobachten indem sie zwischen sich und allem anderen Unterscheidungen treffen. “Eine andere Firma hat einen Meeting-Knigge eingeführt und konnte somit die Meeting-Qualität deutlich erhöhen!” Sie erzeugen eine Selbstreferenz (Beobachtungen über das ICH oder WIR) und eine Fremdreferenz (Beobachtungen über das ICH-NICHT oder WIR-NICHT).

Würden Systeme aufhören zu operieren, würden sie aufhören zu existieren. Damit dies nicht geschieht, operieren Systeme in der Art, dass sich weitere Operationen anschließen. Somit differenzieren sich Systeme durch weitere Operationen mit der Zeit aus. Sie bilden durch Anschlussoperationen ein Gedächtnis oder vergessen.

Selektion der Information

Zurück zur ersten Aktion der Kommunikation: Selektion der Information. Das mitteilende System kann ein psychisches - eine Person - oder ein soziales - z.B. eine Organisation - System sein. Es trifft als erstes eine Selektion der Informationen, die es für sich aufnimmt. Es wählt die Informationen aus, die es für wichtig erachtet oder die für das System einen Sinn ergeben.

Selektion der Mitteilung

Im zweiten Schritt trifft das mitteilende System eine Auswahl welche der Informationen mitgeteilt werden. Es entscheidet sich bewusst für die eine Darstellung der Information und gleichzeitig gegen eine andere mögliche Darstellung.

Selektion des Verstehens

Entgegen dem Sender-Empfänger-Modell schreibt Luhmann dem Empfänger der Nachricht eine aktive Rolle zu. Es handelt sich bei der dritten Aktion um eine aktive Selektion des Empfängers. Er differenziert zwischen der Mitteilung und der Information. Er selektiert aktiv! Erst wenn der Empfänger die Unterschiede erkennt und versteht, ist die Kommunikation erfolgt.

Ob eine Kommunikation erfolgreich war oder nicht, kann man feststellen, in dem eine neue Kommunikation erfolgt. Diese Kommunikation erfolgt den gleichen drei Aktionen.

Was ist jetzt anders?

Die Selektion der Informationen von sozialen Netzwerken fiel mir in der letzten Zeit auf. Aus meiner Sicht sind die Absichten des Netzwerkbetreibers verständlich. Er gestaltet die Software benutzerfreundlich. Er orientiert sich am Verhalten des Nutzers. Er passt das IT-System entsprechend an. Dazu zählen auch Algorithmen, die darüber bestimmen, welche Nachrichten die der News-Feed anzeigt. Das endet schließlich darin, dass man um jeden Preis gefallen möchte. Das dabei die Informationen, die präsentiert werden, gefiltert sind, wird den wenigsten klar. Ich kenne die technischen Möglichkeiten um Benutzer eines IT-Systems gezielt Informationen zu präsentieren. Ich selbst baue IT-Systeme, die Informationen filtert, ohne dass der Benutzer das direkt mitbekommt. Ich sehe es in meiner Verantwortung den Benutzer aufzuklären, dass er manipuliert wird. Oder aber ich gebe ihm die Möglichkeit die Informationen selbst zu filtern.

Luhmann stellt die Verantwortung des Verstehens auf die Seite des Empfängers. Das eröffnet eine neue Perspektive für uns alle. Ich bin verantwortlich für das was ich verstehe! Neu ist mir die Erkenntnis nicht. Aber dadurch gewinne ich Abstand zu dem Akt des Verstehens. Mein damaliger Kommunikationstrainer Uwe Riebling hatte den tollen Tipp für das Annehmen von Feedback: “Betrachte Feedback als ein Glas Gurken. Das Glas betrachtest Du von allen Seiten. Du nimmst die Gurken heraus, die Du für richtig erachtest.” Diese Betrachtungsweise lässt sich jetzt gut auf alle Kommunikationen ausweiten.

“Man soll nicht alles Glauben was in der Zeitungs steht!”. Dieser Satz setzte sich in meinem Kopf fest. Im Zeitalter der modernen Informationsverarbeitung wird es schwieriger die für mich wichtigen Informationen zu selektieren. Ich finde es schwierig das System der Massenmedien zu beobachten. Ich kenne die Besitzverhältnisse von Zeitungen, Verlage und Internetportale zu wenig, um die Kriterien für deren Selektion einzuschätzen. Ein Beigeschmack bleibt für mich bei jeder wahrgenommen Nachricht: Was steckt dahinter? Ist das wahr? Werde ich gerade manipuliert?

Das Bild ist von dirkhaim - vielen Dank dafür!